Zurück zur Liste
Natur

8. Okt. 2026

Mysteriöse Eisringe auf dem Baikalsee: Ein Naturphänomen unter der Oberfläche

Auf der gefrorenen Weite des Baikalsees erscheinen im Winter wiederholt beeindruckende Ringe. Ihr Ursprung liegt tief unter der Oberfläche und stellt für diejenigen, die sich auf dem Eis bewegen, eine nicht unerhebliche Gefahr dar. Diese gigantischen, dunklen Kreisformationen, oft mehrere Kilometer im Durchmesser, werden erst aus großer Höhe vollständig sichtbar und geben Rätsel auf, deren Lösung tief in den hydrodynamischen Prozessen des Sees verborgen liegt.

Während der kalten Monate scheint das Leben im Baikalsee, einem der ältesten und tiefsten Seen der Welt, stillzustehen. Eine dicke Eisschicht, stellenweise über einen Meter dick, bedeckt seine Oberfläche. Doch Satellitenbilder enthüllen, dass unter dieser scheinbar unbewegten Schicht dynamische Prozesse ablaufen. Dunkle, kreisförmige Muster von beeindruckender Größe – typischerweise fünf bis sieben Kilometer im Durchmesser – bilden sich im Eis. Ihr Band kann bis zu einem Kilometer breit sein, wie ein internationales Forschungsteam in einer Studie in „Limnology and Oceanography“ feststellte.

Die ungewöhnlichen Kreise auf dem Baikalsee waren lange Zeit ein Mysterium. Ihre wahre Natur wurde erst durch Satellitenbeobachtungen entschlüsselt. Forscher um den Geophysiker Alexei Kouraev analysierten Jahrzehnte alte Satellitenbilder und fanden allein auf dem Baikalsee 45 Eisringe zwischen 1974 und 2014. Ähnliche Phänomene wurden auch auf dem Hovsgol-See in der Mongolei und später auf dem Teletzkoje-See in Russland entdeckt. Diese Beobachtungen zeigten, dass die Ringe keine neue Erscheinung sind, sondern bereits seit Langem existieren, auch wenn sie erst mit modernen Technologien umfassend erfasst werden konnten. Die NASA berichtet mittlerweile von Dutzenden dokumentierten Ringen.

Die Forschung ergab, dass die Ursache der Eisringe nicht im Eis selbst liegt, sondern in gewaltigen Wasserwirbeln unter der Oberfläche. Diese linsenförmigen Wirbel, deren Zentrum Dutzende Meter unter dem Eis liegt, beeinflussen die darüberliegenden Wasserschichten. Messungen zeigten, dass das Wasser im Bereich der Wirbel um bis zu 0,6 Grad Celsius wärmer ist als außerhalb. Die stärkere Strömung am Rand dieser Wirbel transportiert kontinuierlich Wärme zur Unterseite des Eises, was dort zu einer Ausdünnung führt. Diese dünneren Bereiche absorbieren mehr Sonnenlicht und erscheinen daher aus der Luft dunkler, wodurch die Ringe sichtbar werden.

Die Entstehung dieser Wirbel, die oft bereits im Herbst vor der vollständigen Eisbedeckung beginnen, wird durch eine Kombination aus Wind, Küstenströmungen und der Topografie des Seebodens beeinflusst. Obwohl die Mechanismen der Wirbelbildung und ihr Fortbestehen unter dem Eis zunehmend verstanden werden, bleiben noch Fragen offen, etwa warum sie nur an bestimmten Orten oder in manchen Wintern auftreten und wie lange sie an einer Position verharren. Dennoch machen die Eisringe unsichtbare Prozesse sichtbar und offenbaren die dynamische Natur des Baikalsees unter seiner scheinbar unbeweglichen Winterdecke.

Die gigantischen Kreise sind nicht nur eine optische Besonderheit, sondern bergen auch reale Gefahren. In Russland ist es üblich, gefrorene Seen als Verkehrswege zu nutzen. Obwohl eine intakte Eisdecke schwere Fahrzeuge tragen kann, sind die durch die Wirbel ausgedünnten Bereiche kaum zu erkennen. Dies wurde einem Forschungsteam um Kouraev zum Verhängnis, als ihr Geländewagen in einen frisch entstandenen Eisring einbrach. Auch wenn die Insassen gerettet werden konnten, unterstreicht dieses Ereignis die Notwendigkeit von Satellitenaufnahmen zur Identifizierung gefährlicher Zonen. So wird die Wissenschaft zu einem wichtigen Werkzeug, um die Sicherheit auf den eisigen Weiten des Baikalsees zu gewährleisten.